Ende der 90er Jahre leistete ich Zivildienst in einem Altenheim ab. Anfangs war es meine Aufgabe die Bewohner ein wenig zu belustigen, nachher hatte ich die Ehre (und das meine ich jetzt nicht ironisch) bei der Pflege mitzuhelfen.
Im Nachhinein war es eine der schönsten Tätigkeiten in meinem Leben, ich war der Hahn im Korb bei den Kolleginnen und ein Großteil der Senioren fand es einmal ganz angenehm von einem jungen Mann gepflegt zu werden.
So war es auch bei Herrn H., der immer einen auf dick Kumpel machte und so tat, als wäre er der beste Freund des Zivis.
Wenn ich beim Frühdienst in sein Zimmer kam, bat mich Herr H. immer zuerst die zahlreich im Bett verstreuten Taschentücher wegzuräumen.
Abends beim zu Bett gehen bekam er von mir immer eine frische Flasche Apfelsaft auf‘s Nachttischchen gestellt und die heilige Urinflasche ins Bett gelegt.
Zu guter Letzt musste der Fernseher immer eingeschaltet werden und zwar auf irgend einen bestimmten privaten Sender.
Er konnte diese Dinge nicht selbstständig machen, da er im Rollstuhl saß.
Es kam nicht selten vor, dass sich Herr H. über die Pflege beklagte: sie würden ihm nur ungern Abends den Saft bringen, irgendwelche Anmerkungen machen, dass er bis tief in die Nacht TV schaue und selten die Urinflasche leeren. Deshalb hätte er schon das eine oder andere mal ins Bett gemacht.
Besonders schlimm sei es bei den Pflegerinnen und wollte deswegen immer gerne von mir wissen, wer gerade Nachtdienst hat.
Ich konnte seinen Ärger verstehen.
So ging es einige Zeit, bis ich dann irgendwann bei einer Dienstbesprechung dieses Thema ansprach und aufgeklärt wurde:
“Daniel, Herr H. ist ein wenig link und hat sich sehr schnell unbeliebt bei der weiblichen Nachtwache gemacht.
Er will am Abend immer den Apfelsaft haben, um diesen Nachts in die Urinflasche zu füllen. Dann klingelt er und wartet darauf, dass hoffentlich die Nachtschwester kommt, um die Flasche zu leeren.
Wenn sie nicht kommt, uriniert er ins Bett und dann muss sie ja kommen.Wenn sie wieder fort ist, schaltet er auf einen Privatsender, um sich angeregt bei einem Softporno zu stimulieren.”
Jetzt war mir klar, warum jeden Morgens im Bett so viele Taschentücher lagen…