Mein Opa ist 1910 geboren worden und war 7 Jahre alt, als die russische Revolution ausbrach. 1918 war der Erste Weltkrieg zu Ende, zum Zweiten wurde er dann selber eingezogen.
Er war wie viele andere an der Ostfront stationiert und geriet nach dem Krieg in russische Gefangenschaft.
Im Februar 1989 starb mein Opa und konnte nicht mehr miterleben, wie der komplette Ostblock in sich zusammenfiel und eine vollkommen neue Zeitrechnung begann.
Über den Krieg hat er nie mit anderen geredet, nur meine Oma wusste sehr wenig zu berichten:
Vom Krieg und der Gefangenschaft hat euer Opa fast gar nichts erzählt. Auch nicht später.
Er hatte nur des öfteren erwähnt, dass er tagelang durch Russland laufen musste und hungerte.
Es war ihm peinlich zu betteln, aber immer wieder überrascht, dass viele Russen, obwohl sie selber nichts hatten, zu essen gaben.Als der Krieg zu Ende war, fiel es ihm sehr schwer, sich wieder im normalen Leben zurechtzufinden.
Die Geburt und das Aufwachsen von J. (Anm.: mein Vater) konnte er nicht miterleben und hatte Probleme ihn als seinen eigenen Sohn zu akzeptieren. Erst Jahre später wurde es etwas besser.
“Damals war das normal für die Menschen und deren Angehörige”, sagte meine Mutter dazu. Womit sie natürlich recht hatte, denn es gab niemanden, der in welcher Art und Weise auch immer, nichts mit dem Krieg oder dessen Folgen zu tun hatte.
Heute würde man von einem Kriegstrauma sprechen.
Svenja Goltermann hat sich vor einiger Zeit diesem Thema angenommen und ein Buch über traumatisierte Kriegsheimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg geschrieben: Die Gesellschaft der Überlebenden.
Ein sehr umfassendes und stellenweise nicht ganz einfach zu lesendes Sachbuch, das mit dem deutschen Historikerpreis 2010 ausgezeichnet wurde.
Auf der Homepage der DVA heisst es:
Über die Folgen der Gewalterfahrungen deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg
Svenja Goltermann erschließt in einem packenden Buch einen blinden Fleck der deutschen Zeitgeschichte: Sie geht der Frage nach, was die Gewalterfahrungen des Zweiten Weltkriegs für deutsche Soldaten und ihre Familien nach dem Krieg bedeuteten.Ein brisanter Beitrag zur Debatte um das Selbstverständnis der Deutschen und ihre Rolle als Täter und Opfer im Zweiten Weltkrieg.
Wer sich mit einem noch recht unerforschten Gebiet der jüngeren deutschen Geschichte oder sogar der eigenen Familengeschichte auseinandersetzen will, dem sei “Die Gesellschaft der Überlebenden” durchaus zu empfehlen.
Mich hat das Buch ziemlich nachdenklich gestimmt, weil es mir immer wieder bewusst gemacht hat, über welche Nichtigkeiten im Leben wir uns heute aufregen und empören.

Bezugsinformationen:
Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden
Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009
592 Seiten / 29,95 Euro

Toller Beitrag! Auch wenn ich das Buch nie lesen werde, aber das liegt nicht am Buch, sondern an der wenigen Zeit und meiner internen Priorisierung von Büchern.
Aber ich stimme Dir absolut zu, dass in unserer heutigen Zeit sich zu viel über Dinge aufgeregt wird, die gar keine Bedeutung haben ODER dass zu viele Dinge wichtig sind, müssen über die unsere Großväter und die Überlebenden nur gelacht hätten. Klar, wir sind alle absolut verweichlicht heute und nicht alle würden das überleben, was sie durchgemacht haben. Oft denken Leute heute, es geht “nicht ohne” gewisse Dinge und Verhaltensweisen, Vorgaben, die als normal angesehen werden – täglich duschen, kein Handyempfang, mind. 80qm Wohnfläche für eine Person…. Es geht! Klar ist es nett, diese Annehmlichkeiten zu haben – aber wir sollten ab und zu mal deren Bedeutung relativieren und nicht immer alles als “lebensnotwendig” – “ohne X könnte ich nicht leben” deklarieren. Sondern uns öfter mal eine Scheibe abschneiden. Je weniger man hat, desto weniger abhängig macht man sich. “Fight Club” mag ich u.a. aufgrund dieser Aussage so sehr!
Es geht schon ohne gewisse Annehmlichkeiten, mann muss dazu nur gewollt oder ungewollt gezwungen werden.
Ansonsten, was “Fightclub” angeht: komischerweise weiss ich, dass der Film sehr sozialkritisch ist und viel aussagt. Habe den allerdings nie gesehen…
das werde ich wohl nachholen müssen.
lies lieber das Buch, ist besser wie der Film. Obwohl der als Romanverfilmung ganz gut gelungen ist. ISBN 978-3-442-54210-9
Wusste gar nicht, dass es von Nightclub auch ein Buch gibt.
Danke für den Tipp!
Sehr gut geschrieben!
Und..
ja, wir alle jammern meist auf SEHR hohem Niveau über Dinge, die eigentlich lächerlich sind..was für eine Welt:-(
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