Laufen ist doch nicht ganz so einfach wie Läufer immer behaupten

Ein Gastartikel von Yvonne

Wie komme ich dazu als Nichtläuferin einen Gastbeitrag für ein Läuferblog zu schreiben? Ganz einfach: Daniel hat mich darum gebeten. Ich heiße Yvonne, bin alterstechnisch knapp jenseits der 40 angesiedelt und zähle zu den Menschen, die irgendwann ihr Leben radikal in eine gesunde (Über)lebensweise geändert haben. Daniel kenne ich durch sein Blog, dass erste dieser Art welches ich überhaupt gelesen habe. Heute arbeiten wir hin und wieder zusammen und haben auch schon mal ein Bierchen miteinander getrunken (natürlich alkoholfreies Weizen 😉).

Daniel hat mir mit seinen Tipps ein wenig geholfen und irgendwann wollte ich selber mit dem Laufen anfangen weil es ja angeblich so einfach ist. Dachte ich zumindest.

Ich brauchte das Geld und war eine glückliche Fette

Mein Weg sieht ähnlich dem anderer dicker Menschen aus. In meiner Jugend habe ich einige Diäten gemacht, weil ich auf den Rat anderer gehört habe. Als junger Erwachsener habe ich viel gearbeitet und zwar so viel das kaum noch Zeit für eine gesunde Ernährung und Sport blieb. In Verbindung mit den unnötigen Diäten in meiner Jugend resultierte daraus ein komplett tot gefahrener Stoffwechsel und mit Anfang 20 war ich richtig fett. Jawohl, fett. Oder wie bezeichnet ihr einen Körper mit einer Größe von 1,70 m und einem Gewicht von fast 170 kg? Der Unterschied zu den meisten anderen dicken Menschen war, dass ich eine glückliche Fette war.

Anfang 2015 war dann der Zeitpunkt gekommen als mir ein kompetenter Arzt dazu geraten hat mein Leben radikal zu ändern, sofern ich noch meinen 50. Geburtstag erleben möchte. Aber wie? Ganz einfach: indem ich endlich beginne richtig zu essen. In Verbindung mit einer 1-jährigen Therapie (Optifast Programm) und professioneller Hilfe habe ich neu gelernt zu essen und dadurch bis heute über 60 Kg verloren.

Wer richtig isst, hat auch Energie

Durch meine neue Lebensweise hatte ich plötzlich viel mehr Energie, die ich nicht wieder nur in meinem Job einsetzen wollte, sondern auch im Sportstudio (bei dem ich bereits 7 Jahre zahlendes Mitglied war). Zusätzlich wurden die Runden mit meinem Hund Toni immer ausgedehnter. Zu dieser Zeit bin ich zufällig auf Daniels Blog aufmerksam geworden und konnte mich in manchen Sachen wiederkennen und bin neugierig aufs Laufen geworden.

Also habe ich als erstes meinen Arzt aufgesucht der mir eher zum schnellen Gehen riet. Wenn man über 20 Jahre fast 100 Kilo zu viel mit sich herumschleppt, muss man die Knochen nicht gleich mit aller Gewalt zerstören. Zusätzlich habe ich meine Füße beim Orthopäden vermessen lassen und eine Ganganalyse gemacht. Mit meinen neuen Einlagen habe ich mir dann das erste Mal in meinem Leben richtige Laufschuhe gekauft. Für die ersten Laufversuche war ich also bestens gerüstet.

Erste Laufversuche im Urlaub endeten im Selbsthass

Zusätzlich habe ich begonnen mein Leben auf meinen natürlichen biochronologischen Rhythmus einzustellen. Heißt: ich stehe morgens ohne Wecker auf und zwar zu MEINER Zeit. Dadurch bin ich immer zwischen 6:00 und 6:20 Uhr wach. So natürlich auch im Urlaub. Am ersten Tag habe ich versucht einfach im Bett zu bleiben und noch etwas zu schlafen, was natürlich nicht funktionierte. Am zweiten Tag das gleiche. Am dritten Tag ist mir der Kragen geplatzt und ich habe mir die Laufschuhe angezogen (die ich zum ersten Mal überhaupt in einem Urlaub dabei hatte) und bin an die Promenade.

Durch einen Tipp von Daniel habe ich mir im Vorfeld eine Trainings-App (3K von Redrock Apps) auf mein Smartphone geladen, die mir helfen sollte nach 4 Wochen 3 km am Stück zu laufen. Anfangs lief alles wunderbar: die Strandpromenade war eben und morgens war die Luft noch schön frisch. Zuhause sah das alles dann schon wieder ganz anders aus. Im Sportstudio habe ich es geschafft nur hin und wieder aufs Laufband zu gehen und habe lieber Krafttraining gemacht. Da aber jeder hochmotivierte Läufer in seinem Blog schreibt, wie einfach das alles ist und das es oftmals nur reine Kopfsache ist, wollte so einfach nicht aufgegeben.

Ich habe meinen Hund geschnappt und habe vor der eigenen Haustür in die freien Natur wieder mit dem Laufen weiter gemacht. Leicht bergauf und mit etwas Wind führte der erste Laufintervall nach der Aufwärmphase direkt zu Frust. Ich habe keine 3 Minuten am Stück geschafft. Und dann noch der Hund die Schmusekatze, die am liebsten an jedem Grashalm riecht und hinter jedem Vögel herjagt. Ich war frustriert, habe meine 3,5 Km im „normalem“ Tempo beendet und war beim Erreichen der Haustür voller Selbsthass.Das konnte und wollte ich so nicht auf mir sitzenlassen.

Also habe ich den Hund abgegeben und bin gleich noch einmal los auf den benachbarten Sportplatz. Ebene Fläche, kaum Wind, kein Hund: ich habe das Training diesmal bis zum Ende durchgehalten. Jeden zweiten Morgen bin ich direkt nach dem Aufstehen auf den Sportplatz und habe meine Runden gelaufen. Dieses tolle Gefühl, von dem alle Läufer sprechen, wollte sich bei mir aber nicht einstellen.

Die falsche Wahrnehmung der Lauf-Blogger?

Also nochmal nachlesen, was die Lauf-Blogger so schreiben: schöne Strecken, Abwechslung… aha! Je schöner und abwechslungsreicher die Strecke, desto frustrierender war der Lauf für mich. Wie kann es sein, dass ich das nicht schaffe? Ich will doch und ich halte mich an alle Vorgaben. Mache das völlig motiviert freiwillig und dennoch schaffe ich es nicht ein paar Minuten am Stück durchzuhalten.

Nochmals nachlesen, was die Blogger so schreiben und es steht fast überall: Laufen ist einfach. Laufen kann jeder. Laufen braucht nichts außer ein Paar gut Schuhe und Motivation. Habe ich doch alles und dennoch schaffe ich es nicht! Ein Gefühl das mich zerfressen hat. Wenn ein Training nicht vollständig absolviert wurde, habe ich es einfach nochmals gemacht. Dennoch blieben Frust und Zweifel.

Und noch einmal nachlesen, was die Blogger so schreiben: von anfänglich 3 bis 5 Kilometern ist die Rede. Niemals! Erfahrene Läufer reden ganz selbstverständlich von zig Kilometern pro Lauf. Ich schaffe nicht mal einen einzigen am Stück zu laufen. Je mehr ich mich durch die Blogs gewälzt habe umso frustrierter wurde ich. Irgendwann wurde mir bewusst: wer ein solches Blog schreibt hat Erfahrung, jede Menge Erfahrung. Die Meisten beginnen nicht nach den ersten Kilometern in ihren Blogs zu schreiben, sondern erst viel später wenn es um Wettkämpfe und das technische Wettrüsten geht.

Für diese Leute sind 2 km nichts, weil sie sich nicht mehr daran erinnern können wie es am Anfang wirklich war. Hinzu kommt das die meisten Läufer keine 100 Kilo mit sich herum schleppen und bereits zu Beginn ihrer Laufkarriere halbwegs fit sind.

Etappensieg

Nach hitzigen Diskussionen mit Daniel, die mich davon mehr oder weniger überzeugen konnte alles etwas entspannter zu sehen, habe ich MEINEN Weg gefunden. Dieser führt mich nicht Kilometer weit in die Natur, sondern in erster Linie auf das Laufband und gelegentlich auf den Sportplatz.

Meine 3 Km habe ich nicht nach 4 sondern erst nach 6 Wochen geschafft. Aber geschafft habe ich sie und im Anschluss direkt das 5K Training begonnen. Ja, nur begonnen und nicht abgeschlossen. Denn ich habe eins erkannt: ich bin keine Läuferin und ich werde auch keine werden. Letztlich ist doch nur wichtig die Balance zu halten und sich selbst treu zu bleiben.

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