Der ganz normale 10 Km Wahnsinn

Um 06:00 Uhr werde ich das erste Mal wach und habe sofort dieses unruhige Gefühl in mir: ich muss raus! 2 Tassen Kaffee, ein Glas Wasser und etwas Rührei reichen, richtig Frühstücken kann ich später. Nicht weiter groß nachdenken, sofort in die Laufklamotten und ab vor die Tür. Mit oder ohne Musik? Ich entscheide mich für einen Mix aus Punk, Hardcore, Metal und Elektro.

Mist. Heute braucht die GPS Uhr aber lange um das Signal zu finden, ich trete unruhig auf der Stelle. Es ist kaum ein Mensch auf der Straße, nur ein paar Vögel zwitschern fröhlich vor sich hin. Ich genieße die Ruhe bevor sich alle wie die Lemminge in den samstäglichen Konsumrausch stürzen.

Start!

Die Uhr piepst, endlich kann es losgehen. Der erste Kilometer ist immer etwas komisch, “The Wicker Man“ ist das perfekte Intro um gut in Tritt zu kommen. Aber wo soll es hin gehen? Ich habe mir keine großen Gedanken über den Streckenverlauf gemacht. Egal, einfach in die Richtung laufen, die ich letzte Mal nicht gelaufen bin.

You watch the world exploding every single night
Dancing in the sun a new born in the light
Say goodbye to gravity and say goodbye to death
Hello to eternity and live for every breath

Nur wenige Meter weiter kommt eine Fußgängerüberquerung, ein Auto vom Typ SUV nimmt mir die Vorfahrt, der bissige Blick der Fahrerin löst in mir eine Verkettung von Vorurteilen aus: Helikoptermutter, ein klarer Fall von Wohlstandsverwahllosung.

Gleich habe ich endlich die Stadt verlassen, mein erster Blick auf die Uhr, fast 3 Kilometer. Habe ich eigentlich den Herd ausgeschaltet? Egal, jetzt ist es eh zu spät, nicht nachdenken einfach weiterlaufen. Was mache ich mir eigentlich heute Abend zu essen? Das sind wirklich weltbewegende Fragen.

Kilometer 5

„Can’t Slow Down“ von Robert M. treibt mich über den Coesfelder Berg, eine tolle Aussicht. Die Sonne kitzelt meinen Körper, keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Herrlich! Manchmal könnte man meinen ich bin ein kleiner Misantroph, bin ich aber ganz und gar nicht. Ich mag nur keine Lemminge.

I can’t slow down
This thing is turning me around
I need your love baby , can’t hold on
Can’t stop now
When you giving more than i can take

Ein paar Kühe grasen ganz entspannt vor sich hin, die machen genau so einen glücklichen Eindruck, wie ich mich gerade fühle.

What the fuck? Nein, bitte nicht jetzt! Der Oberschenkel fängt aufeinmal an zu zwicken, ich war gerade so gut dabei, gleich sinkt meine Laune. Egal, weiterlaufen, nicht groß nachdenken. „This Time“ von Life Of Agony fetzt mir um die Ohren, waren das noch Zeiten, die Musik von heute ist doch was für’n Arsch. Der Oberschenkel ist vergessen.

So when we gonna get together
Seems there’s no time for me
You act like you got forever
You’ve got time, but you ain’t got time for me

Für einen kurzen Moment herrscht Stille. Höre ich da etwas Schritte hinter mir? Ein anderer Läufer kommt mir bedrohlich nahe und ich sage mir: „Du kommst nicht vorbei, du kommst nicht vorbei…“. Ich gebe Gas, der Puls rast und plötzlich steht er neben mir. Ein freundlicher Blick, wir grüßen uns, er biegt ab, ich laufe weiter geradeaus.

Die letzten Kilometer

Bisher war keine psychologische Pinkelpause nötig, stadteinwärts werden die Straßen immer voller und ich spüre diese neidvollen Blicke von Autofahrern, bei denen man die Gedanken quasi lesen kann: “Was ein Spinner, wie kann man um diese Uhrzeit schon Sport treiben?”
Mich spornt es an und es sind nur noch wenige hundert Meter bis ich zu Hause bin. Jetzt bloß den richtigen Knopf auf der Uhr drücken und nicht aus Versehen das Workout löschen. Alles gut gegangen, ausschwitzen, duschen und etwas essen.

Der Tag kann beginnen.

13 Comments

Leave a Reply